Corona Pandemie oder von Fröschen in Töpfen

Corona Virus – überall. Sondersendungen, Podcasts, Experten, Verschwörungstheoretiker. Und eine Weltbevölkerung, die beunruhigt ist. Verunsichert. Menschen werden ruckartig aus ihrem Alltag gerissen. Ausnahmesituation in nahezu jedem Bereich des täglichen Lebens. Ausnahmesituationen bringen auch Gefühle mit sich, die bisher Ausnahme waren. Angst. Vor dem Unbekannten. Angst. Vor der Zukunft. Dinge, die wir für selbstverständlich gehalten haben, ändern sich im Minutentakt. Wir kommen aus dem Tritt, merken auf einmal, wie verletzlich auch wir sind. Hier im eigentlich sicheren Europa. Instinktiv wenden wir uns dann einander zu. Die besten Eigenschaften der Menschen kommen in einer solchen Ausnahmesituation auch zum Vorschein: Hilfsbereitschaft. Mitmenschlichkeit. Solidarität.

Gemeinsam stark

Immer und immer wieder: Solidarität. Aber was bedeutet eigentlich Solidarität? Ganz einfach: Gemeinsam sind wir stärker als alleine! Nur gemeinsam können wir uns der aktuellen und ganz besonderen  Herausforderung stellen. Ich wünsche mir, dass wir diese Solidarität jetzt auch auf andere Bereiche ausdehnen. Immer wieder begegnet mir vor allem in den sozialen Medien ein Meme: „Climate Change should hire Corona Viruses publicist.“ Der Klimawandel soll den PR Manager des Corona Virus engagieren. Die Berichterstattung um die Pandemie nimmt den ganzen öffentlichen Raum ein, verbraucht den ganzen medialen Sauerstoff. Aber was ist mit anderen Themen, die eigentlich auch öffentlichen Diskurs und unsere Aufmerksamkeit, ja unsere Aktion benötigen? Viele gesellschaftlichen Entwicklungen verlaufen schleichend und nehmen nicht den sofort spürbaren, akuten Raum ein wie das Corona Virus jetzt. Ja natürlich, die Themen sind wichtig, aber nein, sie waren nicht dringend.

Die Temperatur steigt

Die Spezies Mensch reagiert wie der sprichwörtliche Frosch im Kochtopf. Wenn die Temperatur im Kochtopf nur langsam steigt, spüren wir den Schmerz nicht. Spüren keinerlei Motivation, zu handeln. Die Situation um den Corona Virus hat es geschafft, in ihrem Kochtopf den Temperaturregler von jetzt auf gleich nach ganz oben zu stellen – schmerzend spüren Wirtschaft, Industrie, Politik und Privatpersonen minutengenau die Auswirkungen. Fieberhaft wird nun daran gearbeitet, die Temperatur zu senken, dafür zu sorgen, dass die Situation nicht außer Kontrolle gerät. Gleichzeitig merken wir, dass Corona die Temperatur in anderen Töpfen ebenfalls schlagartig nach oben treibt. Auch in spezifischen Bereichen wird jetzt – endlich – die schon viel zu hohe Temperatur endlich sichtbar und spürbar.

Der verdrängte PflegeNOTSTAND

Die WHO hat im Mai 2019 beschlossen, das Jahr 2020 zum Jahr der Pflegekräfte und Hebammen auszurufen. Wussten Sie nicht? Ich bis zu meiner Recherche für diesen Artikel auch nicht. Mein Temperaturgefühl im Kochtopf war noch ganz angenehm, auch wenn ich natürlich ab und an über den Begriff Pflegenotstand gestolpert bin. Mal in einem Artikel, mal in einem Post auf Instagram. Hat mich aber nie wirklich betroffen, war so abstrakt. Pflegenotstand. Das ist so ein zusammengesetztes Wort, dessen Bedeutung irgendwie verloren gegangen ist. Sonst kann ich mir nicht erklären, warum bisher keiner reagiert hat. NOTSTAND! In der Pflege kranker und alter Menschen. In Deutschland. Schwerkranke Kinder werden nicht aufgenommen in Kliniken und versterben, weil keine Betten vorhanden sind. NOTSTAND! In Deutschland. Nicht seit Corona. Nicht wegen Corona. Aber jetzt verstärkt durch Corona und im Fokus wegen Corona! Auf einmal wird es verdammt heiß im Kochtopf…

Gender Equality – Schein vs. Wirklichkeit

Letzten Sonntag war International Womens Day. Wir leben mittlerweile im dritten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts und es stimmt, es ist schon wahnsinnig viel passiert auf dem Weg zur vollständigen Gleichberechtigung der Frau. Aber noch lange nicht genug. In der Diskussion um Schulschließungen im Rahmen des Corona Virus gibt es Bedenken, dass dann ja die Kinder zuhause betreut werden müssen. Von wem? Genau. Den Müttern. Und dann fehlen diese Mütter wo? Genau. Vor allem in der Pflege / den Krankenhäusern. Eben den besonders sensiblen Bereichen. Ich finde es toll, dass wir jetzt endlich mal über CARE Arbeit – Fürsorgearbeit – sprechen. Und welch überproportional großen Anteil daran die Frauen schultern. Jeden Tag.

Erstmal Zahlen: Aktuell arbeiten 1,6 Millionen Pflegekräfte in der Kranken- und Altenpflege. Sie kümmern sich um 3,4 Millionen Pflegebedürftige (Statistik 2017)

„Die große Mehrheit der Pflegekräfte ist weiblich: vier von fünf Erwerbstätigen in der Alten- und Krankenpflege sind Frauen. In der Altenpflege liegt ihr Anteil mit 84 Prozent noch etwas höher als in der Krankenpflege (80 Prozent). Gleichzeitig sind Teilzeitbeschäftigungen und geringfügige Beschäftigungen weit verbreitet. Mehr als die Hälfte (57 Prozent) der Erwerbstätigen in diesem Bereich arbeiten in Teilzeit oder sind geringfügig beschäftigt. Dabei arbeiten rund 62 Prozent der Frauen und 36 Prozent der Männer in Teilzeit“.  Quelle: Offizielle Statistik Arbeitsagentur „Arbeitsmarktsituation im Pflegebereich“.

Wir haben in den letzten Jahrzehnten versäumt, die essentiell wichtige CARE Arbeit wertzuschätzen. Ach seien wir doch mal ehrlich – wir haben sie noch nicht mal gesehen. Wir gehen selbstverständlich davon aus, dass – hauptsächlich – Frauen unbezahlt Kinder und pflegebedürftige Angehörige betreuen. Wir müssen Menschen, die diese Fürsorgearbeit leisten, endlich die gleiche Wertschätzung entgegenbringen, wie Menschen, die herkömmliche Erwerbsarbeit leisten. Und diese auch entsprechend zu entlohnen. Ohne Fürsorgearbeit, die im Gros von Frauen geleistet wird, steht unsere Gesellschaft still. Es wird Zeit, danke zu sagen, Respekt zu zollen. Auch hier wieder – solidarisch zu sein. Wir brauchen einander. Nur gemeinsam funktioniert es. Auf Augenhöhe! Und diese Augenhöhe fehlt. Noch.

Corona richtet alle Augen inklusive Scheinwerfer und Glitzerkanone auf dieses Problem. Es wird heiß im Topf. Auch hier. Reagieren. Jetzt. Taten statt Worte. Jetzt.

Globalisierung – Think globally, act locally

Nein, von mir kommt kein Plädoyer, dass früher doch alles besser war. Ja, die Globalisierung hat die Nebenwirkung, dass sich, zusätzlich zu Menschen, Waren und Wissen, auch Viren schnell überall verteilen. Das Rad zurück drehen können wir nicht mehr. Aber – wir können uns die einzelnen Rädchen im System anschauen und hinterfragen, ob das wirklich alles so Sinn macht. Billige Kleidung produziert von Kindern. Berge von Plastikmüll die in den ärmsten Ländern der Welt entsorgt werden. Entscheidungsträger, die auf dem geopolitischen Schachbrett Schicksale von ganzen Industrien hin- und herschieben für eigenen kurzfristigen Machterhalt. Wir vergessen oft, wieviel Macht aber auch wir als Konsumenten haben. Wir können diese Macht nutzen, unsere Solidarität auszudrücken. Unsere Solidarität mit den Menschen, die hinter der Lieferkette stecken, die das Produkt zu uns bringt. Mit jeder Kaufentscheidung stimmen wir ab, in welcher Welt wir leben wollen. Ich mag den Begriff Glocal. Think globally, act locally. Kein Nationalismus, kein was auch immer für ein Land first. Das verbindende Element sehen. Keine Ausbeutung des Einen zum Gewinn des Anderen. Im Gegenteil – Unterstützung. Aufmerksamkeit. Solidarität.

Solidarität rettet

Corona erweitert unser Vokabular um Schlagworte wie „Social distancing“ oder das Hashtag „stay the fuck home“. Das öffentliche ebenso wie das soziale Leben kommen mehr und mehr zum Erliegen, Menschen ziehen sich in die eigenen vier Wände zurück. Wir haben in unserer Gesellschaft sowieso schon ein trauriges Problem mit Einsamkeit. Gerade mit Einsamkeit im Alter. In meinem ersten Blogbeitrag habe ich darüber geschrieben, dass Einsamkeit weh tut, wirklich körperlich Schmerzen verursacht, krank macht. Und jetzt sollen wir uns auch noch voneinander fernhalten? Gerade von den alten Leuten? Es ist ganz wichtig, hier differenziert und sensibel vorzugehen! Wir alle als Teil der Gesellschaft müssen zusammenhalten, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und damit vor allem auch alte Menschen zu schützen. Wichtig ist aber, dass wir gleichzeitig auf eben diese Menschen ganz besonders achten. Toll sind Initiativen, bei denen Menschen via Briefpost ihren Nachbarn anbieten, für sie einzukaufen, oder den Hund auszuführen. Solidarität. Füreinander da sein.

Gelebte Solidarität – nicht nur unter Corona

Corona zeigt uns eindringlich, dass die Schwachen uns Starke brauchen. Dass wir uns als Starke, Gesunde, nicht einer Risikogruppe angehörende Menschen, solidarisch zeigen können. Dürfen. Müssen? Wir haben eine Pflicht in unserer sozialen Gemeinschaft. Das Wort ‚Solidarität‘ wird jetzt mit Leben und Sinn gefüllt. Ich würde mir wünschen, dass wir die Verbindung zu diesem Gefühl, zu dieser Verantwortung, über die Ausnahmesituation weiter behalten. Uns bewusst bleiben, dass wir die Starken sind. Und dass es Schwache gibt, die uns brauchen. Die unsere Solidarität brauchen. Alte. Kranke. Frauen. Flüchtlinge. Kinder. Im Nachbarhaus. In Deutschland. In Europa. An Europas Grenzen. Wir Starken bekommen gerade ein kleines Fenster aufgemacht in einen Gefühlsbereich, der uns normalerweise schwer zugänglich ist. Wir haben Angst. Sorge. Verfolgen die Nachrichten. Erledigen Hamsterkäufe. Unser Fenster in die Unsicherheit ist klein und überschaubar. Lasst uns dieses Fenster weiter geöffnet lassen, lasst weiter Empathie in unser Leben. Menschlichkeit und Mitgefühl. Jetzt. Ab jetzt.

Corona ist unser Weckruf

Die Corona Pandemie ist ein disruptives Ereignis. ‚Disrupt‘ heißt zerstören. Und unterbrechen. Corona ist unser Weckruf. Wir haben jetzt die Chance, zu zeigen, wozu wir als Gesellschaft fähig sind, wenn wir zusammenhalten. Wenn wir uns wieder daran erinnern, was Solidarität tatsächlich bedeutet. Lasst uns diesen Ausnahmezustand nutzen, in dem so viel in der Schwebe ist. Lasst uns mutig sein. Lasst uns hinschauen. Lasst uns laut sein. Lasst uns anpacken. Wenn nichts sicher ist, ist alles möglich. Hören wir auf, Frösche in Kochtöpfen zu sein. Entzünden wir lieber selbst ein paar Feuer unter ein paar Hintern. Gemeinsam. Für alle.